Percussionist und Jazzirkelfreund Thomas Stock gibt die musikalische Umrahmung und verweist damit auf Hertrichs andere schöpferische Seite, die Jazz-Gitarre, mit der er am 29. September, dem KoOpf-Aktionstag, zusammen mit dem Bassisten Wilfried Lichtenberg im Kunstverein auftreten wird. 1975 hatte Alfred Hertrich den damals revolutionären Verein gegründet, der bis heute die Max-Reger-Stadt mit Auftritten auch der internationale Jazz – Bühne bereichert.
2023 ist für Hertrich ein besonderes und wirklich passendes Jahr, da es auch einen für ihn verpflichtenden kunstgeschichtlichen Kipppunkt markiert: Das Bauhaus stellt 1923 erstmalig aus und manifestiert mit ihren strengen Exponaten eine bis heute gültige und politisch betrachtet um so wichtigere Philosophie der Sparsamkeit in allen Lebens-Bereichen.
Hertrichs ästhetische Auffassung, die das Design und den Traum einer besseren Welt einschließt, liegt in der Nähe des Bauhauses, das als Labor der Moderne und der guten Form gilt. Dort geht man an die Wurzeln der Wahrnehmung und der menschlichen Erlebnis-Räume und stellt die Frage nach der Essenz. In den Bereichen freier und angewandter Kunst, die Alfred Hertrich explizit auch als Refugien der verlorenen Handwerklichkeit versteht, tritt der Bauhaus-Geist bis heute maßgeblich auf und übt sich als wesentlicher Faktor einer bildnerischen Ansprache, die an allen Sinnen andockt.
Gleichwertige Träger der existentiellen Botschaft
In dem Sinn ist der Begriff der Gebrauchs- oder Brotkunst im Gegensatz zum Freien Schaffen bei Hertrich obsolet, beides sind bei ihm gleichwertige Träger der existentiellen Botschaft, die ihn Zeit seines Lebens regelmäßig nötigt zum geistigen Auftanken und Justieren des seelischen Kompasses in die Leere und Einsamkeit der skandinavischen Länder zu reisen.
Und so ist es einer Idee gelungen, gleichwohl anfangs als entartet diffamiert, mit ihrer elementaristischen Konzeption und ihren Anhängern bis heute wirksam zu bleiben. Hier kommen auch Industrie und Kunst auf human-ökologischer Ebene zusammen und geben bis heute den Impuls, sich der Herausforderung und Konzentration auf das Wesentliche zu stellen, weiter. Auch das, die Verbindung zu den Nachkommen, gehört nicht zuletzt zu dem Gedankengut, das die Ausstellung beseelt und den früheren Ausbilder und seinen Idealismus ehrt.
Eine ganz besondere Werkschau
Hertrich zeigt in seiner Werkschau einen minimalen, aber beredten Ausschnitt, rund 40 größere und kleinere Arbeiten, in deren spannungsvollem Wechsel die Hängung allein schon ein faszinierendes Bild ergibt: Es sind Bilder aus vier technischen und thematischen Bereichen…
Aus dem Bereich Öl-Malerei mit Sandbeigaben, konstruktivistischer Flächengliederung nach nordländischen Landschaftsmotiven, hier versammeln sich in heraldisch anmutender Abstraktion und Anordnung Motive wie Gletscher, Felsen, Eischollen, Sonnenuntergänge und Vogelschwärme in tageszeitlicher und wetterbedingter Unterscheidung, dazu kommen Farb-Steigerungs-Arrangements in der Nähe von Joseph Albers Interaction of Colour, die Hertrichs farbräumliche Ekstasen hervorrufen…
Aus dem Bereich klassischer Schwarzweiß-Fotografie; Demonstrationen eines heute kaum noch geübten handwerklichen Verfahrens, ein Hohelied auf die Analog-Kamera und die Entschleunigung, die mit ihrer Bedienung verbunden ist. Aus dem grafischen Bereich, der sich ein Ausstellungssegment umfassend mit Haikus von Hertrichs Freunden Jürgen vom Scheidt und Ingo Cesaro in Verbindung tritt, dabei schafft sie Seiten, die an Sachlichkeit orientierte Facon und Struktur von Reise-Tagebüchern erinnert.
Dabei gibt es vielleicht auch eine Wieder-Verwendung der althergebrachten Funktion, die das Ornament ausübt. In Hertrichs ornamental angelegten Arbeiten hat es tragenden Charakter und da tut sich unter den Pinselzügen des Künstlers das, was offenbar nicht nur die Schamanen der indigenen Bevölkerung mit ihren Rasseln, Tänzen, Bemalungen und Bezeichnungen können: Sie fangen und verjagen in ihren Netzwerken böse Geister. Ein guter Gedanke für jemanden, der 1939 zur Welt kam.
Dauer der Ausstellung: 1.September bis 1. Oktober im Kunstverein Weiden,
Ledererstr. 6, 92637 Weiden
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag, 20 Uhr bis 22 Uhr, Sonntag 14 Uhr bis 18 Uhr Uhr und nach Vereinbarung unter der Telefonnummer 0151/61481710.
Weitere Infos zum Kunstverein gibt es hier.

