Grafenwöhr. Die Friedhofskirche ist 425 Jahre alt. Neben einem festlichen Gottesdienst am Ursulatag haben die Gläubigen einiges über die Kirche von Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm erfahren.

Von Renate Gradl

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„Dank der Sachkenntnis, Vorsicht und Sorgfalt von Malermeister Albert Hößl wissen wir heute viel mehr über die Entstehungsgeschichte der Friedhofskirche, als Generationen vor uns“, erklärte Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm und bat die Gläubigen zunächst nach draußen. Dort wurde eine Tafel am Kirchenportal begutachtet. Albert Hößl hatte die Tafel in der Größe von 1 mal 0,70 Meter beim Gerüst aufstellen zum Streichen der Westfassade am 11. Juni 1976 (während der Renovierung) unter dem Dach des Vorbaus entdeckt.

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Ein historisches Denkmal

Nachdem Hößl die Schriftrillen schwarz nachgefahren hatte, konnte er folgendes lesen: „Christo servat diß Kirch/jenseit der Stadt vor zeit / In Nam S. Ursula geweiht! – Hatt jetzt ein Gmein Christo zu ehrn / herbaut, sein wort darinn zu lehrn / im Tausend und fünfhundertiar, / als neinzigfünf die khleinr zal war. / O Gott, dein Christlich kirch bewar.“ Über der Tafel fand Albert Hößl ein sogenanntes Christushaupt. Es ist der älterste Kultgegenstand von Grafenwöhr und mit 1410/20 datiert.

„Der reformierte Pfarrer Kaspar Michl (1545 bis 1613, geboren in Dinkesbühl, hat mit dem Bau der Friedhofskirche ein historisches Denkmal geschaffen“, ist sich Böhm sicher. Er war bestimmt kein Eiferer, wenn man bedenkt, dass er auf der Inschrifttafel die Vorgeschichte seiner neuen Kirche mit Nennung des Namens der heiligen Ursula angeführt hat, da der Calvinismus ja die Heiligenverehrung „verteifelt“ hat. „Vielleicht hat er da an seine seine Mutter mit dem Vornamen Ursula gedacht“, überlegt Böhm.

Pfarrer mit 16 Kindern

Pfarrer Michl hatte 16 Kinder. Laut dem Fresko hinter dem Nothelferaltar hatte das Ehepaar drei Knaben und drei Mädchen, die im Kindsalter verstarben. Dies belegen die Kreuzchen über den Köpfchen der Kinder. Der Brauch wollte es, dass nach einem verstorbenen Kind sein nachfolgendes den gleichen Vornamen wieder erhielt. Dies zeigt die Vornamensliste.

Ein kleines Wappenschild befindet sich – kaum von einem Kirchenbesucher bemerkt – auf der Südseite der Friedhofskirche am vorderen Fenster rechts oben. Bei der Renovierung als die Fensternische angestrichen wurde, bemerkte Albert Hößl eine Unebenheit. Vorsichtig legte er mit Meißel und Hammer das Relief frei. Sichtbar wurde der Name: Jörg Rosner und eine stilisierte Rose.

Friedhofskirche 1595 errichtet

Seit 1577 existieren noch verschiedene Rechnungsbücher. Gleich fiel der Name „Wolf Rosner“ ins Auge. Dessen Sohn, Jörg Rosner, ein junger ortsansässiger Bürgersohn errichtete aus den Steinen der 1593 abgebrochenen Alten Kirche zwei Jahre später die Grafenwöhrer Friedhofskirche. Diese wurde 1723 nach Norden verbreitert und 1894 erfuhr sie eine Veränderung auf der Ostseite.

In der Mitte des kleinen Gotteshauses, so dass alle Gläubigen den Prediger gut verstehen konnten, befindet sich die Kanzel. Dem Kalvinismus entsprechend, sind die Seitenflächen einfach gehalten. Eine große Gedenktafel neben der Steinkanzel ist ein Werk der deutschen Renaissance und erinnert an den ehemaligen Forstmeister von Grafenwöhr Stephan Gruber (gestorben 1601).

Die nur noch teilweise lesbare Inschrift lautet: „Stephan Gruber ist nicht tot. Er schläft im Herrn und lebt bei Gott, dem er sein Seel befohlen hat; da er nun seelig Stund hat im Blut und Tod des Herrn Christ. Darauf er beständig blieben ist…“ 1626 erfolgte die Rekatholisierung und 1737 der Beginn der Barockisierung der Friedhofskirche.

Holzfigur von 1460

„Das Kirchlein birgt ein Kleinod edler Art“, schrieb Hermann Schenkl. An der linken nördlichen Seitenwand, das jetzt den Hauptaltar darstellt, thront in einer Wolkennische die Holzfigur einer Madonna mit dem Kinde. Schon das hohe Alter aus dem Jahr 1460, macht das Werk ehrwürdig. Originell ist die Stellung sowie die Arm- und Kopfhaltung des unbekleideten Kindes.

Die ganze Arbeit zeigt eine große Selbständigkeitin der Tieffassung und Ausführung. Eine Anlehung an bekannte Vorbilder ist vermieden. Das schöne Werk verdiente einen anderen Platz zur Aufstellung, an dem es mehr zur Geltung käme.“ Diese Einschätzung brachte Schenkl vor 1926 zu Papier. Diese wertvolle Skulptur war innerhalb der Friedhofskirche an verschiedenen Orten platziert: an der Nordwand des Schiffes, auf der Kanzel, an der Nordwand des Anbaus und heute als Hochaltar.

15 Gulden für die Schmerzhafte Mutter

1894 wurde der Kreuz- oder Schmerzhafte Mutteraltar auseinandergenommen und an die Nordwand transferiert. Die Mater-Dolorosa-Skulpturen gibt es seit dem Frühbarock (zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts). Das Heiliggrabgemälde am jetzigen Ursulaaltar war mit Sicherheit das Antependiumsgemälde dieses Kreuzaltars. Die Statue der Mater Dolorosa trägt das Kopftuch einer verheirateten Frau.

Der verstorbene Stadtmüller Thomas Sigert hatte der Friedhofskirche 15 Gulden hinterlassen. Pfarrer Sebastian Raith hatte das Geld für ein neues Kleid mit rotem Damast für die Schmerzhafte Mutter im Kreuzaltar investiert.

Der Nothelferaltar zeigt die 14 Nothelfer als Gemälde aus dem Jahr 1744. Die Verbundenheit der heiligen Ursula mit ihren Gefährtinnen wird durch die Verschmelzung von Schutzmantelmotiv und Segelschiff beim Ursulaaltar zum Ausdruck gebracht. Das Segel zeigt den totbringenden Pfeil und die Martyrerpalme. Das Antlitz der Heiligen ist das einer erfahrenen Frau und Mutter.

Fundiertes Wissen

Während des Ursula-Gottesdienstes wurde auch das Lied: „Sankt Ursula ein Schiff regiert, des Herren Hand im Sturm sie führt. Es trägt der Jungfraun gläubge Schar zum sichern Ziel durch viel Gefahr. Sankt Ursula, du Jungfrau rein, auch uns nimm in dein Schiff hinein, reih uns der Schar der Zeugen ein!“ gesungen. Pfarrer Bernhard Müller bedanke sich abschließend bei den Mitfeiernden des Gottesdienstes, beim Mesner und Organisten sowie bei Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm für ihr fundiertes Wissen über die Friedhofskirche.

Fotos: Renate Gradl